Der 11. September 2001 oder wie ich meinen Schlüssel wieder bekam

Einige Tage vor dem 11. September 2021, an dem sich der Tag der Angriffe auf die Twin-Towers in New York das 20. Mal jährte, traf ich einen alten Kollegen aus meiner damaligen Schule Bunatwiete in Hamburg-Harburg, der mit mir über die Erinnerungen an diesen Tag sprach… Ich schrieb diese Erinnerungen nieder und schickte sie ans Hamburger Abendblatt…man druckte sie in einem Artikel am Gedenktag.
Foto: National Geografic

Der 11. September 2001 oder wie ich meinen Schlüssel wieder bekam

In drei Tagen jährt sich zum zwanzigsten Mal 9/11, der Tag, an dem mit dem Angriff auf die Twin-Towers des World-Trade-Center in New York der wohl schrecklichste Terroranschlag der Geschichte passierte, der auch mein Herz aus dem Rhythmus brachte.

Doch meine Erinnerung an dieses Ereignis beginnt bereits 12 Tage vorher, am 31.8.2001, einem Freitag.

Ich war damals 54 Jahre alt und seit vielen Jahren Lehrer an der Schule  Bunatwiete 20 in Hamburg-Harburg. Morgens vor Schulbeginn parkte ich meinen VW-Passat gegenüber der Schule auf einem gerade frei werdenden Platz vor dem Haus Bunatwiete 23. Ich öffnete die Heckklappe, holte meine Taschen und Unterrichtsmaterial aus dem Wagen, schlug die Klappe wieder zu und trug alles in zwei Etappen in die Schule.

Nach Schulschluss fasste ich in meine Jackentasche und suchte mein Bund mit dem Autoschlüssel und anderen privaten Schlüsseln. Ich konnte es nicht finden, ging zu unserem Hausmeister Thomas und fragte, ob es bei ihm abgegeben worden sei. „Nein,“ entgegnete er, „aber heute Morgen kurz nach 8 kam ein junger Mann vom Haus gegenüber zu mir. Er sagte, dass er aus dem Schloss des roten Passats auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Schlüsselbund herausgezogen hätte, er vermutete, dass es einem von den Lehrern der Schule gehörte. Er hätte das Bund zu sich in die Wohnung genommen, gleich Erdgeschoss rechts Nr. 23, er sei zu Hause, und du kannst“ – und dabei nahm er einen Zettel mit einem Namen vom Schreibtisch und gab ihn mir – „bei ihm klingeln, er sei den ganzen Tag zu Hause.“ Ich nahm den Zettel, las den Namen Said Bahaji, ging über die Straße und drückte auf den Klingelknopf. Ein freundlicher junger Mann öffnete die Tür und sagte: „Ach, Sie sind der Lehrer, der vergessen hat, sein Schlüssel aus dem Schloss zu ziehen“. Er hatte das Bund schon in der Hand, gab es mir und meinte noch lächelnd: „Wissen Sie, es gibt hier in der Gegend so viele Spitzbuben, und das wäre nicht gut, wenn jemand mit Ihrem Auto davon gefahren wäre“. Ich gab ihm recht, bedankte mich höflich und fragte, wie ich mich für seine Aufmerksamkeit und Nettigkeit erkenntlich zeigen könnte, aber er winkte ab und sagte, dass sei selbstverständlich für ihn. Und ich freute mich, wieder einmal in meiner Einschätzung bestätigt zu sein, dass die vielen Vorurteile gegenüber Menschen mit ausländisch klingenden Namen nicht stimmen. Froh gelaunt setzte ich mich in mein Auto, fuhr nach Hause und erzählte meiner Frau von diesem Erlebnis.

12 Tage später am Dienstag, den 9.11., nachmittags gegen drei Uhr. Ich war gerade nach Hause gekommen und aß zu Mittag. Da klingelte das Telefon, unser Sohn war dran. Er war in seinem Studentenheim in Hamburg und sagte mir: „Papa, schalte mal schnell den Fernseher ein. Das ist gerade eben in New York etwas Schreckliches passiert. Ein Flugzeug ist in einen Turm des World Trade Centers hineingekracht.“

Ich schaltete ein, und sah einen brennenden Turm, aber ich sah auch ein weiteres Flugzeug auf den zweiten Turm zufliegen. Einen Augenblick später war auch dieser getroffen und stand in Flammen. Mein Essen blieb stehen, ebenso fast mein Herz. Das weitere ist uns allen bekannt. Wenig später stürzten beide Türme zusammen und eine riesige Wolke aus Staub, Rauch, Asche und giftigen Gasen legte sich über Manhattan.

Schon am nächsten Tag erfuhren wir, dass die Spuren der Attentäter nach Hamburg führten, alle Beteiligten an diesem Terrorakt hatten sich für mehrere Jahre in einer konspirativen Wohnung in der Marienstraße, nicht weit von unserer Schule, regelmäßig getroffen und den Anschlag dort geplant. Auch der Gutmensch von nebenan, Said Bahaji, der Retter meines Schlüssels, ebenso wie die anderen Student an der TU in Hamburg-Harburg, hatte dort gewohnt und gehörte später nach seinem Umzug in die Bunatwiete zu den regelmäßigen Gästen der konspirativen Treffen. Schon einige Tage später wurde die Bunatwiete und die danebenliegende Maretstraße abgesperrt, unsere Schule konnte für etliche Tage nur durch einen Nebeneingang betreten werden. Es parkten Vans mit Satellitenschüsseln auf den Dächern, Reporter und Reporterinnen von Fernsehsendern aus aller Welt ließen sich vor dem Haus 23 filmen und gaben ihre Statements ab, schwarze Limousinen und Vans  mit verdunkelten Scheiben parkten in der Straße, Agenten des FBI und des Bundeskriminalamtes stellten auch die Wohnung von Bahaji auf den Kopf und suchten Spuren.

Ich konnte es nicht fassen: Ein freundlicher, netter Mensch, der meinen Schlüssel gerettet hatte und mich vor „Spitzbuben“ warnte, gehörte auf einmal zu den am meisten gesuchten Personen auf dieser Welt, und er war beschuldigt, an dem größten Terroranschlag der Geschichte teilgenommen zu haben. Meines Wissens hat man Said Bahaji niemals gefasst, eine Woche vor dem Anschlag soll er in einem Flugzeug nach Pakistan gesessen haben.

Für mich bleibt die Erinnerung an 9/11 immer mit dieser Vorgeschichte verbunden.

 

Klaus Wehmeyer, 8.9.2021

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