Die Sturmflut in Hamburg 1962

Diesen Artikel habe ich im Dezember 2011 als Zeitzeuge anlässlich einer Gedenksendung des NDR zum 50. Jahrestag der großen Sturmflut in Hamburg von meinem damaligen Aufenthaltsort in Kalifornien geschrieben. Die Vorbemerkungen habe ich jetzt zum 60. Jahrestag dieses Jahrhunderthochwassers angepasst.

Heute bin ich 75 Jahre, und ich lebe nach etlichen Stationen in anderen Ländern seit 10 Jahren wieder in Hamburg.  Am letzten Wochenende (29./30.1.22) wurde vor einer schweren Sturmflut für die deutsche Nordseeküste gewarnt… und auch für Hamburg. Und als ich am Sonntag mit der S-Bahn von Harburg nach Hamburg fuhr, sah ich aus dem Zugfenster die von der Süderelbe überflutete Pionierinsel mit ihren jetzt aus dem Wasser ragenden Bootshäusern. Und plötzlich waren sie wieder in meinem Kopf, die Bilder vom Februar 1962 …

 

Es ist Freitag, der 16. Februar 1962. Ich bin Schüler der 9. Klasse des Friedrich-Ebert-Gymnasiums in Harburg. Unsere Klasse hat keinen Unterricht, stattdessen fahren wir zu einer Schulaufführung ins Schauspielhaus nach Hamburg, mit den grauen Personenzügen, denn eine S-Bahn gibt es noch nicht. Als wir die Süderelbbrücke überqueren, sehen wir, dass die Pionierinsel, auf der ich und einige meiner Mitschüler im Sommer rudern, überschwemmt ist, am Wilhelmsburger Ufer ist der sonst weiße Strand überflutet, das Wasser geht hoch bis unter die Deichkrone. „Wenn man von der Eisenbahnbrücke springt, ist das ja so wie vom 1 Meter Brett!“ stellt mein Klassenkamerad Hans Georg fest, und wir fragen uns, ob die Elbe noch höher steigen kann. „Es soll eine Sturmflut geben“ weiß Rolf, der aus Moorburg stammt, „mein Vater, der bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, kriegte heute Morgen Bescheid, dass sie in Alarmbereitschaft versetzt worden sind“. Auch an der Norderelbbrücke steht das Wasser kurz unter der Brücke, keiner von uns, auch nicht unser Lehrer Herr Kenkel, hatte bisher einen solchen hohen Wasserstand gesehen.

Nach der Theateraufführung, es soll jetzt Niedrigwasser sein, sehen wir auf der Rückfahrt nach Harburg, dass das Wasser nur unwesentlich zurückgegangen ist, noch immer ist es viel höher als bei normalem Hochwasser.

 

Zu Hause hat meine Mutter unser Mittelwellenradio an, sie hört den NDR. „Es gibt eine schwere Sturmflut, sagen sie im Radio“ informiert sie uns Kinder, und wir hören das Heulen des Windes und sehen wie sich die Kronen und Äste der Bäume im Sturm nicht nur wiegen, sondern vor allem biegen.  

 

Die Warnungen im Radio werden immer häufiger wiederholt. Ich gehe am frühen Abend noch zum Training in die Turnhalle, mit dem Fahrrad geht es nicht mehr, ich nehme den Bus, es sind kaum Turner da, zurück fahre ich mit meinem Turnlehrer in seinem roten VW, der fast den gleichen Weg hat. Die letzten Meter werde ich vom Sturm fast vor die Haustür geweht. Meine Mutter sitzt vor dem Radio und bügelt. Es wird immer schlimmer, es sollen schon Deiche gebrochen sein, in Neuenfelde, weiß sie.  Der Zugverkehr über die Elbbrücken sei eingestellt, die Autobahn und die Reichsstraße gesperrt, erfahren wir aus dem Radio. Auf einmal geht das Licht, das Radio und auch das Bügeleisen aus, meine Mutter steckt eine Kerze an und geht zum Sicherungskasten, aber alle Sicherungen sind intakt, bei keiner ist der farbige Punkt rausgesprungen, was normalerweise bei Überlastung passiert. Auch das Telefon ist tot.

In der Dunkelheit ohne das Radio hören wir die Geräusche des Sturms. „Wenn wir jetzt ein Kofferradio hätten“…sagt mein Bruder, der sich so was immer gewünscht hat – aber er hat eine Idee. In der Garage steht unser neuer Ford Taunus 17 m de Luxe mit Weißwandreifen, der natürlich auch ein Radio hat. Das Auto wird zwar nur von meinem Vater gefahren, aber der schippert als Kapitän gerade im Golf von Mexiko herum, weit entfernt von dem Island-Tief, das den Orkan ausgelöst hat. Aber mein Bruder holt den Schlüssel und setzt sich in den Wagen, ich folge ihm. Im Radio geht es nur noch um die Sturmflut. „Orkan Stärke 12“ hören wir, Deichbrüche in Francop und Neuenfelde, das Wasser drücke in die Süderelbe, die Deiche in Moorburg und Harburg könnten nicht mehr gehalten werden, die Deiche, die Wilhelmsburg umschließen, drohten ebenfalls zu brechen. Überall ist die Feuerwehr im Einsatz, die Männer des Technischen Hilfswerks werden aufgerufen, zu ihren Leitstellen zu kommen. Irgendwann ruft uns unsere Mutter wieder rein, auch unsere Großeltern, die nebenan wohnen, sind bei uns. Wir sitzen bei Kerzenschein um den Küchentisch, und es wird langsam kalt. Unsere neue Ölheizung braucht Strom, um den Brenner zu betreiben, aber den gibt es nicht mehr. Meine Mutter hat eine Idee: das Gas geht noch, also zündet sie alle vier Flammen des Kochfeldes sowie die des Backofens an, das gibt uns ein wenig mehr Licht und vor allem wohlige Wärme. Irgendwann legen wir uns im Wohnzimmer auf die Sofas, unsere Großeltern kämpfen sich durch den Orkan ins Nachbarhaus, Wir schlafen, aber nicht lange. Als es hell wird, hören wir statt des Sturms (der hatte sich ein wenig gelegt) ein Knattern in der Luft. Als wir rausschauen, sehen wir Hubschrauber tief über unser Haus fliegen und auf dem gegenüberliegenden Sportplatz der Scharnhorstkaserne landen. Dieses Geräusch begleitet uns die nächsten Tage ununterbrochen. Es ist Samstag. Wir hatten schon am Abend im Autoradio gehört, dass überall in Hamburg an den Schulen der Unterricht ausfallen würde. Das macht uns natürlich froh, andererseits wollen wir wissen, was jetzt wirklich passiert ist. Nachbarsjungen kommen raus auf die Straße. „Das Wasser steht am Unterelbebahnhof, die Deiche in Harburg sind gebrochen, Neuland ist überflutet, ebenso ganz Wilhelmsburg!“ wissen Nachbarn zu berichten, die wohl die ganze Nacht ein Kofferradio hatten laufen lassen. Irgendwann ruft meine Mutter: „Der Strom ist wieder da!“. Wir rennen wieder rein, setzen uns vor das Radio und hören das Ausmaß der Katastrophe. Besonders in Wilhelmsburg sind viele Tausend Menschen vom Wasser eingeschlossen, die meisten seien vom Wasser überrascht worden, etliche ertrunken, viele Hundert Stück Vieh in den ländlichen Gegenden verendet. Das Militär, englische, holländische und deutsche Soldaten, seien seit der Nacht im Einsatz, um die Eingeschlossenen zu retten, mit Schlauchbooten und vor allem auch mit Hubschraubern, deshalb seit dem frühen Morgen das Knattern der Motoren beim Landen und Starten auf dem Kasernengelände. Ich bin neugierig, will mit meinem Fahrrad zur Buxtehuder Straße fahren, bis zu der das Wasser stehen soll. Meine Mutter will mich abhalten, ich tue es trotzdem, fahre zum Schwarzenberg, von dem man das Gebiet jenseits der Gleise zum Harburger Hafen übersehen kann. Ich kann es kaum fassen: es ist eine einzige Wasserwüste, die Gleise am Unterelbebahnhof, die parallel zur Buxtehuder Straße verlaufen, sind tatsächlich überflutet.

Im Radio wird mittlerweile zur Hilfe aufgefordert, Decken, warme Kleidung sollen an Sammelstellen abgegeben werden. Eine der Sammelstellen ist meine Schule, das Friedrich-Ebert-Gymnasium. Meine Mutter packt eine Tasche mit Kleidung, ich biete mich an, es dorthin zu bringen, Autos vom Roten Kreuz und THW stehen bereits dort, in der Turnhalle der Schule sind Strohlager aufgeschüttet, auf denen viele Menschen, die vor allem aus Wilhelmsburg gerettet worden sind, ein erstes warmes Quartier gefunden haben. Aber immer mehr Menschen, die oft nichts außer ihren nassen Schlafanzügen anhaben, kommen, werden ärztlich und mit einer heißen Suppe versorgt, und ihnen werden Strohlager, die jetzt auch in den Klassenräumen aufgeschlagen werden, zugewiesen, auf denen sie mit Rotkreuzdecken zugedeckt erstmal schlafen können.

Auch Lehrer unserer Schule sind dort, helfen bei der Organisation und sagen, dass wohl die nächsten Wochen kein Unterricht sein wird. Und hier höre ich auch, dass der Vater meines Klassenkameraden Rolf aus Moorburg, der bei der Feuerwehr und beim DRK im Einsatz war, in dieser Nacht ums Leben gekommen sei. Später erfahre ich im Radio von über Hundert Toten, wie sich nach einer Woche herausstellt, eine viel zu niedrige Zahl, tatsächlich sollen es 317 gewesen sein.

 

Wir alle sind getroffen von dem Ausmaß der Verwüstung, die die Sturmflut hinterlassen hat. Am Montag melde ich mich in meiner Schule als Helfer. Wir werden dazu aufgefordert, viele kommen. Wir teilen Decken aus, helfen Älteren beim Weg zum Klo, verteilen Essen und leisten Hilfe beim Umräumen der Lager. Waren zuerst einfach alle in einen Raum gekommen, versuchen die Mitarbeiter des Roten Kreuzes, sie nach Familien, Nachbarschaften, Alter und zum Teil nach Geschlecht umzulegen, Natürlich sind die meisten nicht bettlägerig, sondern helfen selbst mit, das Leben so erträglich wie möglich zu machen, unter anderem auch ein 16-jähriges Mädchen mit  einem braunen Pferdeschwanz aus Wilhelmsburg, das fröhlich Essen austeilt und vor allem älteren Menschen Trost zuspricht, mit kleineren Kindern spielt und sie aufmuntert. Irgendwann finden wir uns in den nächsten Tagen immer wieder, nein, wir suchen uns wohl auch. Wenn ich morgens komme, schaue ich nach ihrem roten Pullover, ihrem Pferdeschwanz und versuche ihr fröhliches Lachen wahrzunehmen. Sie hieße Marion, sagt sie mir, sei Lehrling bei einer Bank im ersten Jahr und sie käme aus Kirchdorf, das völlig überflutet sei, sie und ihre Familie seien mit einem Schlauchboot am Morgen nach der Sturmflutnacht gerettet worden, aber sie wüssten nicht, ob sie jemals wieder in ihr Haus zurückkehren könnten. Ich bleibe immer länger als ich es soll, nicht nur weil ich helfen, sondern vor allem, weil ich in der Nähe von Marion sein will. Irgendwann nach einigen Tagen suchen wir dunkle Ecken auf dem Schulflur, gegenseitige Nähe und Berührungen, und irgendwann küssen wir uns, zärtlich und heftig, und das in meiner strengen Jungenschule. Ich wirke verstört und gleichzeitig glücklich, wenn ich nach Hause komme, meine Mutter versteht nicht, was ich in der Schule solange tue, es seien doch genug Helfer dort.

 

Aber als ich am Tag 6 nach der Flut wieder in die Schule komme und Marion suche, kann ich sie nicht mehr finden. Sie hätten wie viele andere Familien Notunterkünfte gefunden, sagt man mir auf mein Nachfragen, und ich kenne nur ihren Vornamen. Mich nach ihrem Nachnamen zu erkundigen und wohin sie gekommen seien, traue ich mich nicht. Immer mehr Menschen kommen die nächsten Tage aus dem „Notaufnahmelager“ Schule heraus in menschenwürdigere Quartiere. Helfer werden immer weniger gebraucht, und mein Enthusiasmus ist ohne Marion gebrochen. Nach zwei Wochen ist die Schule bis auf wenige Räume wieder frei, so dass auch der Schulalltag wieder beginnen kann.

Was bleibt, ist die Erinnerung an die Katastrophe und der Respekt vor der Natur, aber auch die Erinnerung an Marion, die mich erröten und mein Herz wie die Wellen einer Sturmflut hat höher schlagen lassen.

 

Es ist Sonntag, der 30.1.2022. Ich bin von meinem Ausflug über die Elbe zurück. Am überfluteten Fischmarkt musste die Feuerwehr etliche Autos vor dem Wasser wegschleppen. Die Sperrwerke von Seeve und Este waren geschlossen, um eine Überflutung der Ufer zu verhindern. Etliche Schaulustige – wie ich – bestaunten das Hochwasser, die Älteren fühlten sich an Februar 1962 erinnert. Die Deiche hielten, aber die Feuerwehr musste immer wieder zu Einsätzen ausrücken, entwurzelte und auf Autos gefallene Bäume, Schäden an Dächern, vollgelaufene Keller in tieferen Regionen, aber kein Vergleich mit 62. Die Deiche halten, die Investitionen in den Küstenschutz haben sich bewährt – diesmal noch.

 

Klaus Wehmeyer

 

Hamburg, 30.1.2022

 

 

 

 

 

 

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